Gerhard Fink

* 1965

  • „Das war so das erste Mal, wo ich meinen eigenen Gedanken nachgehen konnte, ich bin da ein bisschen durch den Garten geschlendert, habe mich umgeschaut – vieles habe ich bis dahin mit meinen eigenen Augen gar nicht gesehen. Da ist eine Szene, die ist mir wie heute im Gedächtnis. Eine junge Frau mit Brille, Koffer in der einen, Kind in der anderen Hand, kam von oben gelaufen, völlig hektisch. Meine erste Reaktion war: ‚Mach langsam, die letzten Busse sind noch lange nicht weg.‘ Ich hatte sie jetzt im Kontext gewähnt, die Leute hatten ja Zeit gebraucht, ihre Sachen zu packen, und sie hatte das Gefühl, alles würde ohne sie stattfinden. Die Frau viel mir um den Hals und sagte: ‚Wir haben es also noch geschafft?‘ ‚Wie? Wie haben wir es noch geschafft?‘ Sie hatte es abends noch in Sachsen in den Nachrichten gesehen, hat sich gleich auf den Weg gemacht. Ich weiss nicht, ob damals schon Sicherungsmassnahmen an den Grenzen waren, jedenfalls hat sie das auf irgendwelchen Wegen noch hierüber geschafft. Ja, das war irgendwie ein Signal, die Geschichte ist hier lange noch nicht zu Ende.“

  • „Da sind wir auch das erste Mal erst als Sanitärer tätig geworden. Wir behandelten Leute, die auf diese neue Situation mit Puls- und Herzrhythmusstörungen reagiert haben, Angstattacken. Damals hatte man den Begriff dafür noch gar nicht, aber das war es im Endeffekt - die nackte Angst, die hatte nach einigen gegriffen. Wahrscheinlich hatten diese Leute auch einen entsprechenden Erfahrungshorizont.“

  • „Wer den Platz vor der Botschaft kennt, weiss, dass er ist ziemlich eng. Allein schon die Tatsache beschäftigte mich, wie arrangiere ich die Feldküche überhaupt durch das Botschaftstor auf dieser engen Strasse. Also ganz banale Dinge beschäftigen einen zuerst, da nimmt man nicht so viel von der Umgebung wahr. Es war halt eine furchtbar enge Strasse mit Kopfsteinpflaster. Der richtig starke Moment war, als ich durch die Tür getreten bin und in der Rotunde vorne in dem Eingangsbereich war. Alles war voller Betten, die zu vier Stock übereinander gebaut waren und alle belegt mit Menschen. Ich habe in dem Moment nur gedacht: O Gott, wo bist du hier reingeraten. Der Anblick war sehr dystopisch.“

  • „Jeder kennt die Szene, der Bundesaussenminister hat natürlich erstmal aufgrund seiner eigenen persönlichen Geschichte die Hallenser begrüsst, er stammte selber aus Halle an der Saale. Ich glaube, das war für die Leute auch ein wichtiges Signal, zu sehen, dass da jemand ist, der weiss, wie die Gemütslage ist. Er hatte nur diesen Halbsatz sagen können: Ich bin gekommen, um ihnen zu sagen... und der Rest ist schon im Jubel untergegangen. Ich habe immer nur einen Massstab, der dafür vergleichbar ist, und zwar wenn die eigene Mannschaft irgendein Pokal gewinnt oder Meister wird. Es war genau diese Laustärke, 5000 Leute auf kleinstem Raum, die also nur gejubelt haben. Das ist nach den 35 Jahren immer noch ein Gänsehautmoment, wenn man es in Erinnerung ruft, das wird man wahrscheinlich sein Leben lang nicht vergessen, das ist wie festgebrannt.“

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  • 1

    Praha, 01.10.2024

    (audio)
    délka: 01:23:29
    nahrávka pořízena v rámci projektu From Germany to Germany through Czechoslovakia
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In der Uniform des Roten Kreuzes in der Prager Botschaft

Gerhard Fink, Praha, 2024
Gerhard Fink, Praha, 2024
zdroj: Natáčení

Gerhard Fink wurde am 22. Juli 1965 in einer kleinen westdeutschen Gemeinde nahe der luxemburgischen Grenze als Sohn eines Zollbeamten geboren. Die Grundschule und das Gymnasium absolvierte er jedoch in der Kleinstadt Euskirchen, wohin die Familie gezogen war. Nach dem Abitur wurde Gerhard Fink Steuerbeamter und trat im Rahmen seines Zivildienstes dem Deutschen Roten Kreuz bei. Die Existenz des Eisernen Vorhangs war für die Menschen im Westen im Alltag kaum spürbar, doch beim Roten Kreuz wurde er unter anderem auch für Kriegssituationen geschult. Kleinere Einsätze waren unbedeutend, doch sein Einsatz in der Botschaft der BRD in Prag im Herbst 1989 veränderte seine Sichtweise und sein Leben. Das Team aus Euskirchen wurde mit dem Transport und Betrieb einer dritten Feldküche beauftragt. Allein schon die Feldküche auf das Gelände der Botschaft zu bringen, wo sich bereits Scharen von ostdeutschen Flüchtlingen drängten, war nicht einfach. Es folgten 18-Stunden-Tage unter beengten Verhältnissen, keine Freizeit, Einsatz als Sanitäter nach der Rede von Bundesaußenminister Genscher, eine kurze Mittagspause nach der Abreise der ersten Flüchtlingswelle, weitere Arbeit bis zur Abreise der zweiten Flüchtlingswelle, Aufräumen des Botschaftsgeländes. Nach seiner Rückkehr nach Hause hatte Gerhard Fink keinen Urlaub und somit auch keine Zeit, über alles nachzudenken, aber als später die Berliner Mauer fiel, wurde ihm bewusst, dass er durch seinen Einsatz in der Botschaft in Prag zum Beginn des Zerfalls des Ostblocks beigetragen hatte. Später half er auch beim Wiederaufbau der ehemaligen DDR, wobei ihm seine Erfahrungen aus dem Prager Einsatz sehr zugute kamen. Er blieb beim Deutschen Roten Kreuz und engagierte sich politisch als Mitglied der SPD. Wenn er sich an bestimmte Erlebnisse aus seiner Zeit in der Botschaft in Prag erinnert, bekommt er auch nach 35 Jahren noch Gänsehaut.