Ernst Birke

* 1935

  • „Ich war noch keine zehn Jahre alt. Ich habe das mitgemacht aber ich habe nichts verstanden. Erklärungen konnte unsere Mutter auch nicht geben, sie wusste selber auch nicht was passiert. Es war eine Zeit der ganz großen Ungewissheit. –Wie lange sind Sie marschiert? – Es war ein guter Vormittag, mittags sind wir weg und nachmittags wurden wir an der Grenze entlassen. Wir waren sozusagen frei. Die tschechische Seite war froh, dass sie uns los geworden ist, und auf der anderen Seite waren die Polen noch nicht eingerückt. Dann sind wir zu den Bekannten gegangen, wo unsere Großeltern schon gewesen sind.“

  • „In Berlin(wurden wir) problemlos (angenommen). Da hatte ja jeder Probleme. Man hat einander verstanden, man hat sich geholfen, man hat Ratschläge weitergegeben. Man hatte Anregungen, man hat sich erkundigt wo man etwas besorgen kann. Wir waren auf dem schwarzen Markt. Wir haben bei den Amerikanern, sie hatten nebenan eine Kaserne, Kohle und Holz geklaut. Das war ein interessantes Leben. Das war der erste starke eiskalte Winter, da war es heikel aber wir haben überlebt.“

  • „Meine Mutter hat Zigaretten gehabt und mit den Zigaretten hat sie Lebensmittel bei den Bauern eingetauscht oder wenn uns jemand geholfen hat den Kinderwagen zu reparieren. Sie hat einen Kinderwagen geschoben und ich habe einen geschoben. Wir haben uns recht und schlecht durchgeschlagen, es ging, aber nach vierzehn Tagen war es mit unseren jüngsten schon kritisch. Aber da waren wir schon in Berlin.“

  • Celé nahrávky
  • 1

    Bad Kissingen, 12.07.2025

    (audio)
    délka: 54:46
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Zwei Wochen schleppten sie sich mit einem Kinderwagen von Glatz bis nach Berlin

Ernst Birke im Jahr 2025
Ernst Birke im Jahr 2025
zdroj: Post Bellum

Ernst Birke wurde am 7. September 1935 in Trautenau (Trutnov) geboren, er verbrachte seine Kindheit jedoch in Braunau (Broumov) in Ostböhmen. Sein Vater Ernst Birke studierte Kunstpädagogik und unterrichtete an Oberschulen, seine Mutter Elisabeth Birke, geborene Martinetz, starb jung. Sein Vater heiratete dann Margot Birke und drei Schwestern wurden geboren. Im Jahr 1941 begann er die deutsche Schule in Braunau. Im Herbst 1944 wurde sein Vater zur Wehrmacht eingezogen und war in Norddeutschland stationiert. Ernst Birke erlebte den Einmarsch der sowjetischen Armee in Braunau; bei ihnen zu Hause quartierten sich etwa zehn Soldaten ein. Ende Mai kehrte der Vater nach Hause zurück, wurde verhaftet und in sowjetische Gefangenschaft nach Kursk geschickt. Im Juli 1945 musste er mit seiner Stiefmutter und seinen Schwestern die Wohnung verlassen; unter Bewachung gingen sie zu Fuß nach Tuntschendorf (heute Tlumaczów) an der Grenze zu Polen. Sie gingen zu Fuß von Glatz (Kladsko) bis nach Berlin zu den Eltern seiner Stiefmutter. In Berlin überstanden sie einen eisigen Winter, und er begann die Oberschule. 1949 kehrte sein Vater zurück, und die ganze Familie zog dann nach Westdeutschland in die Nähe von Stuttgart. Er studierte an den Universitäten in Tübingen und Wien. Er trat in die deutsche Armee ein und war an verschiedenen Orten in der BRD stationiert. Er heiratete und mit seiner Frau bekam er drei Kinder. Erst nach 1989 besuchte er Braunau. Im Jahr 2001 überreichte er dem Präsidenten Václav Havel das Heimatbuch des Braunauer Heimatkreises. Viele Jahre lang war er Vorsitzender des Heimatkreises Braunau/Sudetenland e.V. Im Jahr 2016 erhielt er die Gedenkurkunde der Stadt Braunau. Im Jahr 2001 verdiente er sich um die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags zwischen den Städten Braunau und Forchheim, das zugleich die Patenstadt des Heimatkreises ist. Im Jahr 2025 lebte er in Schongau in Bayern.