Christine John

* 1940

  • „Sie hatten in Dettingen ein Rathaus zu der damaligen Zeit und unten war ein großer Rathaussaal und da sind wir dreißig Leute untergekommen, es waren dreißig oder einunddreißig. Jeder hat ein Feldbett zugewiesen gekriegt. Da war eine alte Kirche neben dem Rathaus, die als Kirche nicht mehr benutzt wurde und ein Lager war darin, die Feldbetten und Decken, später hatten sie dann noch ein kleines Eisenöflen. Jedenfalls war es dann so, dass die Flüchtlingskommissare da gewesen sind, die die Zimmer von den einheimischen Bewohnern beschlagnahmen. Und die Liebenauer kamen nacheinander aus dem Rathaussaal in die Zimmer hinein und für uns war es halt so, meine Mutter war damals 36 Jahre alt, wir hatten die alte Tante dabei, dann meinen behinderten Bruder und mich, ein kleines Mädel, wir sind ziemlich die Letzten gewesen, bis man uns aufgenommen hat. Ich habe immer gesagt, meine Mutter hatte keine Lobby, das war einfach schwierig, aber schließlich wurden wir dann in ein Haus eingewiesen. Wir waren dort zu der Untermiete, eine Mieterin war dort und sie hat ein Zimmer abgeben müssen. Das Zimmer hat drei Türen gehabt, eine ins Wohnzimmer, eine ins Schlafzimmer von der Frau und eine dann noch zum Gang. Und jedenfalls war alles so hellhörig und wir Kinder waren auch manchmal laut. Die Frau hat sich bei der Polizei beschwert, dann musste meine Mutter wieder mit mir zur Polizei gehen.“

  • „Ich denke, ich habe es richtig im Kopf noch, also zwölf Frauen von Liebenau, die sie alle mitgenommen hatten und die sind dann zum Altentransport gekommen und wir haben nichts mehr gehört. Und Anna Pate ist bis nach Bautzen in Sachsen gekommen mit diesem Zug und da haben die Zugbegleiter gesagt, sie haben nichts mehr zu essen für sie, sie können hingehen, wo sie wollen. Und da sagte sich Anna Pate, sie läuft wieder heim nach Liebenau. Und sie hat wirklich angefangen und ist zurückgelaufen und hat in Wäldern übernachtet und hat sich mit Beeren und Betteln ernährt. Und einmal kamen zwei Russen mit dem Jeep, junge Russen, und die wollten sie nach Hause fahren, weil sie sich über die alte Frau erbarmt haben, aber sie sagten, sie haben nicht verstanden, wo sie zu Hause ist. Und Anna Pate war nur 1,38 groß, eine kleine Person, jedenfalls ist sie zurückgelaufen, dann kam sie nach Gablonz an der Neiße und sie hat einen deutschen Mann getroffen und dem hat sie ihre ganze Leidensgeschichte erzählt. Er hat ihr einen Zettel geschrieben, den habe ich heute noch, am 9.09.1945, und da steht: ,Diese alte Frau ist 80 Jahre alt, sie kommt von Bautzen in Sachsen.´ Dann hat er die Adresse aufgeschrieben, wohin sie wollte, und dann schrieb er noch darunter: ,Die alte Frau spricht kein Tschechisch, bitte schicken Sie sie weitgehend durch deutsches Gebiet.´ Mit diesem Zettel ist sie dann wirklich Ende September wieder nach Liebenau gekommen.“

  • „Eines weiß ich noch genau, die Tschechen haben die Männer, die bei dem Freikorps waren, geholt. Wir hatten Nachbarn, eine Familie Hubert Letzel, das waren sieben Kinder. Und Herrn Letzel haben sie auch geholt gehabt. Und die Frau mit den Kindern war noch zu Hause. Und Anna Pate, die 80 Jahre alt war, ist mit meinem Bruder und mir zu Frau Letzel gegangen. Und dann kamen Tschechen, sie wollten Frau Letzel mit ihren Kindern auch holen und haben gedacht, wir drei gehören auch dazu. Und wir haben Stunden gesessen, bis wir die Tschechen begreiflich machen konnten, dass wir nicht zur Familie gehören. Also wir konnten dann wieder nach Hause gehen. Die Letzels wurden dann nach Schömberg hinüber gebracht, also nach Schlesien, jetzt nach Polen. Und sonntags, wie viele Wochen waren es, weiß ich nicht, aber meine Mutter ist ein paar Sonntage mit mir immer an den Schlagbaum gegangen und hat Frau Letzel Lebensmittel gebracht.“

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    Bad Kissingen, 13.07.2025

    (audio)
    délka: 01:11:03
    nahrávka pořízena v rámci projektu Příběhy regionu - HRK REG ED
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Liebenau ist verschwunden, statt Vaters Wagnerei fand sie eine erwachsene Lärche

Christina John bei dem Interview in 2025
Christina John bei dem Interview in 2025
zdroj: Post Bellum

Christina John wurde am 4. September 1940 in Liebenau (Libná) bei Wekelsdorf (Teplice nad Metují) geboren. Ihr Vater Josef Paßler betrieb eine eigene Wagnerei und hatte zusammen mit ihrer Mutter Emma, geborene John, einen kleinen Bauernhof. Ihr älterer Bruder Hubert war seit seiner Geburt körperlich behindert. Ihr Vater fiel am Ende des Krieges bei der Stadt Pula in Istrien. Sie erlebte den Einmarsch der sowjetischen Armee in Liebenau. Im Juni 1945 wurde ihre alte Tante im Rahmen der wilden Vertreibung nach Deutschland geschickt, sie ging zweihundert Kilometer von Bautzen zurück nach Liebenau zu Fuß. Im März 1946 wurden sie über das Lager in Halbstadt (Meziměstí) in die westliche Besatzungszone Deutschlands umgesiedelt. Von Würzburg aus schickte man sie nach Dettingen am Main, wo man ihnen ein Zimmer zuwies. 1947 kam sie in die Schule. Von 1954 bis 1957 besuchte sie die Mittelschule in Alzenau und von 1958 bis 1960 lernte sie Krankenpflege in Aschaffenburg, wo sie anschließend im Krankenhaus arbeitete. In den Jahren 1966 bis 1969 erweiterte sie ihre Ausbildung durch ein Studium der Sozialarbeit in Frankfurt am Main. 1973 heiratete sie und später bekam sie drei Kinder. 1974 besuchte sie zum ersten Mal seit der Vertreibung den Dorf Liebenau, den es nicht mehr gab. Im Jahr 2025 lebte sie in Herzogenaurach in Bayern.