Die Botschaft war ein Stück Westdeutschland in Prag
Stáhnout obrázek
Manuela Weiß wurde am 18. Juli 1989 in Meißen geboren, beide Elternteile hatten einen Hochschulabschluss. Sie wuchs in Dresden auf. Obwohl sie eine glückliche Kindheit hatte, wurde ihr nach und nach bewusst, welche Einschränkungen das Leben in der DDR mit sich brachte. Am stärksten spürte sie diese Einschränkungen mit achtzehn Jahren, als sie unabhängig werden wollte, aber keine eigene Wohnung haben, keinen freien Beruf wählen und auch nicht reisen durfte. Zusammen mit ihrem Freund stellte sie daher einen Antrag auf Ausreise und heiratete ihn im Juni 1989, teilweise auch wegen dieses Antrags. Bereits auf der Reise zum Plattensee im Mai 1989 dachten sie über eine Auswanderung über die ungarisch-österreichische Grenze nach, beschlossen aber, die Bearbeitung ihres Antrags abzuwarten. Als ihr Ausreiseantrag jedoch am 22. September 1989 ohne Angabe von Gründen abgelehnt wurde, entschieden sie sich für die Flucht über die Botschaft der BRD in Prag. Dort mussten sie über einen Zaun klettern, erlebten aber eine familiäre Atmosphäre inmitten einer ständig wachsenden Zahl von Flüchtlingen. Es gelang ihnen sogar, einem westdeutschen Journalisten über den Zaun eine Postkarte für ihre Eltern zu übergeben. Manuela erinnerte sich auch nach vielen Jahren noch mit Rührung an den Abend des 30. September 1989, als der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft erschien und allen die unglaubliche Nachricht verkündete, dass sie in den Westen ausreisen könnten. Das geschah noch in derselben Nacht, die Weiß fuhren mit dem letzten vorbereiteten Zug, da Familien mit Kindern Vorrang hatten. Ihr Zug umfuhr den Dresdner Hauptbahnhof, wo es zuvor zu herzzerreißenden Szenen gekommen war, als weitere Menschen versuchten, in den Zug einzusteigen, aber von der Polizei daran gehindert wurden. Glücklich kamen sie dann im bayerischen Schwandorf an, wo ihnen zunächst Unterkunft in den Kasernen der Grenzschutzbeamten gewährt wurde, bald aber auch eine bessere Unterkunft und Arbeit in ihrem Berufsfeld. Nach viereinhalb Jahren im Westen beschlossen die Weiß, nach Dresden zurückzukehren, da die Gründe, warum sie von dort weggegangen waren, nicht mehr bestanden und sie sich am Wiederaufbau der ehemaligen DDR beteiligen wollten.