Ing. Monika Holfeld

* 1948

  • „Gar nicht, gar nicht. In der Schule wurde es (Vertreibung) überhaupt nicht besprochen. In der Landkarte gab es die Tschechische Sozialistische Republik, Slowakische muss ich noch dazu sagen, die gab es als Landkarte. Da waren nur gerade mal Prag und Bratislava eingetragen, so die wichtigsten Städte. Und dass es ein Sudetenland gab, gab es nicht. Es gab keine Juden, es gab nur die Freunde, unsere Sowjetunion, die hat uns befreit und das war es. Mehr gab es nicht. Es wurde in der Schule in Geschichte nur von der Weimarer Republik und von sonst wie weit zurück etwas gelehrt, aber Geschichtszahlen wurden bei mir auch noch schnell auswendig gelernt für die Schule und dann war es erledigt. Aber die reine Zeit, die letzte Zeit zu Hitler, da war es eben nur, dass die Nazis alles einnehmen wollten und das waren die Bösen und die Russen haben alles wieder gut gemacht. Das war kurz und knapp in ein, zwei Sätzen erwähnt, aber das war es auch. Also es war überhaupt nicht Thema und man durfte auch gar nicht eine Frage stellen, was von meiner Seite berechtigt gewesen wäre. Dann wäre man in Ungnade gefallen und man hätte gesagt, das gehört nicht zum Lehrplan oder so. Also ich war sowieso ein bisschen das schwarze Schaf, weil ich eben nicht für die sozialistisch-kommunistische Einstellung zu haben war und auch aus reiner eigenen Überzeugung schon her.Und das fing schon an. In der zweiten Klasse, in der dritten Klasse hatte ich eine neue Lehrerin und die Lehrerin gab mir im Betragen eine Zwei und ich habe immer eine Eins gehabt. Immer die Kopfnoten. Und meine Mutter war wütend und hat gesagt: ,Was hast du denn angestellt?´ Und ich habe gesagt, ich habe gar nichts gemacht, ich habe eine Zwei. Und da ist sie hin zur Lehrerin und hat gesagt: ,Was hat meine Tochter gemacht, dass sie eben eine Zwei nur kriegt?´- ,Das liegt an Ihrer Erziehung, Sie haben sie nicht zu den jungen Pionieren geschickt.´Also war das der Grund. Und sie war nämlich auch Stasi-Mitarbeiterin, das habe ich hinterher ja erst erfahren.“

  • „Es waren alle Kinderkrankheiten, das war klar. Ich bin sowieso in einer Zeit geboren, wo es kaum was zu essen gab. Ich wurde schon mit einer TBC ins Kinderkrankenhaus gebracht. Entfernt von meiner Mutter drei Wochen. Das würde heute nicht mehr gemacht. Ich war dadurch sehr oft krank. Auch psychisch bedingt. Wenn Sie in einem Umfeld groß werden, wo nur Melancholie herrscht, wo überhaupt nicht gelacht wird, wo man nur immer denkt, damals war es so, warum sind wir da nicht mehr, dann lässt sich das auch aufs Kind nieder. Für mich waren Tiere das Wichtigste. Mit Tieren konnte ich leben und umgehen.“

  • „Also, ich kann es nur nach Erzählungen machen. Sie wurden transportiert nach Damshöhe, von Lerchen. Erstmal nach Lerchenfeld, da wurden sie gesammelt, dann wurden sie verteilt, abgezählt, wer, wann, wo in die Viehwaggons steigt und wohin kommt. Ihre Patentante zum Beispiel ist sogar nach Hamburg gekommen, weil sie aber auch in Teplitz wohnte.Vielleicht lag es daran, dass das nach Ortschaften gegliedert war. Sie sind nach Damshöhe gekommen, da war das Aufnahmelager und da hat man dann auch wieder unterteilt, wer nach Niedersachsen kommt und so. Und da hat man ihnen eben gesagt, sie können sich freuen, sie kommen in das schönste Land, wo Seen und Wälder sind und meine Mutter, die nur Berge (kannte) und meine Großmutter war Asthmatikerin, für die war das schrecklich da. Und dann kam man da an und wurde neben dem Kuhstall, drei Personen neben dem Kuhstall, untergebracht. Und dann hieß es noch, die Bettler da, was wollen die hier.“

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    Česká Kamenice, 03.09.2025

    (audio)
    délka: 01:18:58
    nahrávka pořízena v rámci projektu Living Memory of the Borderlands
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Sie bekam eine Zwei in Betragen, weil sie nicht zum Pionier ging

Monika Holfeld in 2025
Monika Holfeld in 2025
zdroj: Memory of Nations

Monika Holfeld wurde am 27. Juli 1948 in der deutschen Stadt Waren in der ehemaligen DDR geboren. Ihre Eltern Gertrud und Ludwig Holfeld stammten aus dem Sudetenland. Ihre Großeltern Anna und Josef Stettin lebten in Tellnitz im Erzgebirge, ihre Mutter absolvierte eine Ausbildung zur Drogistin in Aussig. Im Sommer 1946 wurden sie in die sowjetische Besatzungszone in Deutschland deportiert und ließen sich in Waren nieder. Ihr Vater stammte aus der Familie des Textilfabrikanten Alexander Holfeld aus Georgwalde, studierte und wurde Postinspektor werden. Die Familie wurde 1946 vertrieben. Die Eltern lernten sich in Waren kennen und heirateten 1947. Die Mutter nahm die Vertreibung schwer. Die Eltern teilten nicht die kommunistische Weltanschauung, die Zeitzeugin erhielt in der dritten Klasse eine Zwei in Betragen, weil sie kein Mitglied der Pionierorganisation war. Sie absolvierte eine Fachschule mit Abitur für Bauzeichnerinnen und studierte anschließend Architektur an der Universität Neustrelitz. Sie arbeitete in einem Planungsbüro in Neubrandenburg und später in einem Projektbüro in Waren. Sie lernte Tschechisch und begleitete Delegationen tschechoslowakischer Architekten. Seit den 1960er Jahren reiste sie privat und beruflich in die Tschechoslowakei. 1990 zog sie nach Berlin und wurde Mitglied der Architektenkammer. 1997 gründete sie ihr eigenes Architekturbüro in Berlin. Sie schrieb Fachbücher, half als Beraterin bei der Sanierung von Plattenbauten auch in der Tschechischen Republik und später spezialisierte sie sich auf barrierefreies Bauen. Im Jahr 2025 lebte sie in Berlin.